Die Legende vom verfluchten Schloss
Es ist lange her.
So lange, dass niemand mehr genau weiß, was damals wirklich geschah.
Damals war der Düsterwald bereits ein seltsamer Ort geworden. Die Ernten waren schlecht, Nebel lag immer häufiger zwischen den Bäumen und Reisende erzählten von Wegen, die plötzlich dort endeten, wo sie eigentlich hätten weiterführen müssen.
Manche behaupteten sogar, der Wald würde seine Wege verändern.
Andere gaben den Hexen die Schuld, die tief zwischen den alten Bäumen leben sollten.
Doch niemand wusste, ob das wirklich stimmte.
Hoch über dem Wald stand das Schloss des Grafen.
Der Graf hatte die Veränderungen ebenfalls bemerkt. Er machte sich Sorgen um die Menschen, die rund um den Wald lebten. Nach all den schlechten Monaten wollte er ihnen wenigstens für einen Abend ihre Sorgen nehmen.
Deshalb ließ er einen fahrenden Zirkus zu seinem Schloss einladen.
Doch der Zirkus kam niemals an.
Die Wagen waren auf dem Weg zum Schloss in den Düsterwald gefahren – und danach spurlos verschwunden.
Tagelang wartete der Graf.
Er ließ nach ihnen suchen.
Doch seine Leute fanden weder Wagen noch Artisten noch Tiere.
Nur ihre Spuren.
Sie führten tief in den Wald hinein …
und hörten plötzlich auf.
Von diesem Tag an wusste der Graf:
Die Geschichten über den Wald waren wahr.
Etwas lebte dort.
Oder vielleicht sollte man besser sagen:
Etwas war dort erwacht.
Der Graf wollte herausfinden, was mit seinem Land geschah.
Und so tat er etwas, wovor ihn seine Bediensteten eindringlich warnten.
Er suchte die Hexen des Waldes auf.
Was dort geschah, weiß niemand.
Als der Graf zum Schloss zurückkehrte, sprach er kein Wort darüber.
Doch in den folgenden Tagen ließ er sämtliche Fenster vor Einbruch der Dunkelheit schließen.
Die Tore wurden früher verriegelt.
Und niemand durfte nach Sonnenuntergang den Wald betreten.
Dann erschien eines Abends eine alte Frau am Schlosstor.
Einige behaupteten, sie sei eine der Hexen gewesen.
Andere sagen, sie habe nur eine Warnung überbracht.
Der Graf ließ sie herein.
Stundenlang sprachen die beiden miteinander.
Als die Frau das Schloss wieder verließ, hörte einer der Diener sie sagen:
„Der Wald hat genommen, was ihm nicht gehörte. Nun wird er nach mehr verlangen.“
Niemand verstand ihre Worte.
Doch der Graf verstand sie offenbar sehr wohl.
Von diesem Tag an veränderte er sich.
Nicht weil er böse geworden war.
Er hatte Angst.
Nicht um sich selbst.
Sondern um alle anderen.
Er suchte weiter nach einer Möglichkeit, das aufzuhalten, was im Wald begonnen hatte.
Dann kam jene Nacht.
Was genau geschah, ist bis heute das größte Geheimnis des Düsterwaldes.
Die Bewohner der umliegenden Dörfer sahen Lichter in beinahe jedem Fenster des Schlosses.
Obwohl dort kein Fest stattfinden sollte.
Kurz vor Mitternacht begann die große Schlossglocke zu läuten.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Dann verstummte sie.
Im selben Augenblick zog dichter Nebel aus dem Wald über die Mauern.
Am nächsten Morgen war das Schlosstor verschlossen.
Niemand öffnete.
Niemand antwortete.
Und niemand sah den Grafen oder einen seiner Bediensteten jemals wieder bei Tageslicht.
Mit den Jahren verfiel das Schloss.
Efeu kroch über die Mauern.
Der Schlosspark verwilderte.
Auf dem alten Friedhof verschwanden Grabsteine unter Moos und Gestrüpp.
Und auch hinter dem Schloss, dort, wo ein schmaler Weg hinunter zum Wasser führte, wagte sich schon lange niemand mehr hin.
Manchmal erzählten Wanderer von einem fernen Knarren zwischen den Bäumen – fast so, als würde irgendwo im Nebel altes Holz auf dem Wasser treiben.
Doch wer danach suchte, fand nichts.
Und langsam geriet das Schloss in Vergessenheit.
Doch ganz verlassen war es nie.
Manchmal sahen Wanderer ein Licht hinter einem der Fenster.
Andere hörten Schritte auf den alten Wegen des Schlossparks.
Manche behaupteten sogar, zwischen den Grabsteinen Gestalten gesehen zu haben.
Und tief in der Nacht soll manchmal eine Glocke zu hören sein.
Nur ein einziges Mal.
Dong.
Die Menschen begannen, vom verfluchten Schloss im Düsterwald zu erzählen.
Und vom Grafen, der noch immer dort sein soll.
Viele hielten ihn für denjenigen, der den Fluch über den Wald gebracht hatte.
Doch vielleicht war es ganz anders.
Vielleicht hat der Graf niemals etwas Böses getan.
Vielleicht hat er versucht, etwas aufzuhalten.
Und vielleicht sind der Graf und alle, die damals im Schloss lebten, deshalb noch heute dort.
Nicht mehr ganz lebendig.
Aber auch nicht verschwunden.
───
Viele Jahre später …
Eines Nachts erschien plötzlich wieder etwas zwischen den Bäumen.
Lichter.
Musik.
Lachen.
Der längst verschwundene Zirkus war zurück.
Zumindest für eine einzige Nacht.
Aus dem Zirkus war ein gespenstischer Jahrmarkt geworden.
Und hoch oben im Schloss stand eine Gestalt an einem der Fenster.
Der Graf.
Er erkannte sie.
Die Gäste, auf die er vor so langer Zeit vergeblich gewartet hatte.
Doch bevor er sie erreichen konnte, verschwand der Jahrmarkt wieder.
Zurück blieb nur die Stille des Düsterwaldes.
Und eine Einladung, die der Graf in der Nähe des Jahrmarktes hinterlassen hatte.
Vielleicht wurde sie gefunden.
Vielleicht lag sie dort die ganze Zeit.
Niemand weiß es.
───
31. Oktober
Nun geschieht etwas, das lange nicht mehr geschehen ist.
Im Schloss brennen wieder Kerzen.
Die schweren Vorhänge des Ballsaals wurden geöffnet.
Aus den alten Räumen erklingt Musik.
Geister wandeln durch die Flure.
Und oben an der großen Treppe wartet der Graf.
Denn dieses Jahr öffnet das verfluchte Schloss seine Tore.
Der Graf lädt zum Ball.
Doch wer seine Einladung annimmt, sollte eines niemals vergessen:
Im Düsterwald ist selten etwas so, wie es zunächst scheint.
Vielleicht möchte der Graf tatsächlich nur wieder Gäste in seinem Schloss begrüßen.
Vielleicht möchte er erzählen, was damals geschah.
Oder vielleicht sucht er noch immer nach einer Antwort auf die Frage, die ihn seit jener Nacht nicht loslässt:
Was ist damals im Düsterwald erwacht?
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Seid gespannt nicht mehr lang