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Jahrmarkt/ Zirkus

Willkommen im Zirkus Nachtschatten

Lange Zeit galt der Zirkus Morgenlicht als ein Geschenk des Himmels. Wo immer er seine bunten Zelte aufschlug, füllten sich die Straßen mit Lachen und Musik. Kinder hielten Popcorn in den Händen, während Jongleure und Akrobaten den Himmel eroberten. Für ein paar Stunden vergaßen die Menschen ihre Sorgen – der Zirkus brachte Licht und Hoffnung, wo er erschien.

Doch 1816 sollte anders werden. Die Chroniken nennen es das „Jahr ohne Sommer“. Nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora verhüllten Asche und Staub den Himmel. Regen und Schnee fielen mitten im Sommer, Felder verdarben, Hunger und Krankheit breiteten sich aus. Dunkelheit, Nebel und Kälte lagen wie ein Fluch über Europa. Die Herzen der Menschen wurden schwer, und selbst das fröhliche Morgenlicht konnte sie kaum noch erhellen.

Da schickte der Herr eines alten Schlosses Boten aus, um den Zirkus zu sich zu holen. „Bringt meinem Volk Freude,“ flehte er, „bringt ihnen ein Stück Licht in dieser Dunkelheit.“

So machte sich die Familie Morgenlicht auf den Weg. Mit Wagen, Tieren und Musik zogen sie in den geheimnisvollen Düsterwald. Schon beim ersten Schritt in die Schatten veränderte sich die Luft. Der Wind trug Flüstern, das niemand verstehen konnte. Nebel webte Schleier aus Formen, die wie Gesichter wirkten. Die Tiere schnaubten, als könnten sie Dinge sehen, die den Menschen verborgen blieben.

Doch dort verstummten die Lieder. Die bunten Banner fielen leblos herab, das Lachen der Kinder verebbte. Schatten huschten zwischen den Bäumen, zu schnell, zu lautlos, um menschlich zu sein. Pferde wieherten panisch, Wagen zerbrachen auf unsichtbaren Wegen. Und irgendwann – mitten im Dunkel – hörte der Zirkus einfach auf zu existieren.

Das Schloss erreichten sie nie.

Nur die Bäume, der Nebel und die Stille bewahrten ihr Schicksal.

Zwei Jahre lang blieb es still. Kein Klang, kein Wagenrad, kein Lachen drang je wieder aus dem Wald. Nur vereinzelte Dorfbewohner berichteten von gespenstischen Melodien, die der Wind an manchen Nächten über die Felder trug.

Doch im dritten Jahr, im Jahr 1818, kehrten sie zurück – und doch nicht wirklich. Der Zirkus war wieder da, aber verwandelt. Die Farben waren erloschen, die Lichter zu kalt, die Stimmen zu fremd. Das Morgenlicht war verschwunden. Stattdessen trat der Zirkus nun als Nachtschatten hervor – ein Spuk der Finsternis, der an keinen Ort gebunden war.

Seitdem heißt es: Ohne Vorwarnung und an willkürlichen Stellen im Düsterwald erscheint er. Seine Zelte stehen nur für eine einzige Nacht. Und immer, wenn der Zirkus Nachtschatten sich auflöst, fehlt jemand. Mal Kinder, mal Erwachsene – Menschen, deren Namen irgendwann niemand mehr zu erinnern scheint.

 

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